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22. Feb 2016

Ein Lob dem Winter

Seit Jahrzehnten heiß geliebt: Die führende Bielefelder Gastrozeitschrift

Seit Jahrzehnten heiß geliebt: Die führende Bielefelder Gastrozeitschrift

Haben Sie schon die aktuelle Winterausgabe der beliebten Zeitschrift „bielefeld geht aus“ gelesen? Auf vier hübsch bebildeten Seiten präsentiert sie unsere gastronomischen Protokolle über die lukullischen Vorteile des Winters. Auf vielfachen Wunsch jetzt auch im Flaneure-Weblog.

Um den Winter angemessen zu begrüßen, hat sich in Bielefeld eine beeindruckende rituelle Handlung etabliert. An einem Samstagabend im November zieht das Bielefelder Feiervolk in geschlossener Formation zum Seekrug am Obersee. Alle Beteiligten sind ordnungsgemäß in Ski-Klamotten gekleidet und zelebrieren mit kollektivem Jauchzen OWLs größte Aprè-Ski-Party. Möglicherweise ist dabei Alkohol im Spiel. Schon seit 14 Jahren ruft Partykönig Henner Zimmat zu diesem alpinen Ereignis auf, und alle Schneehasen, Loipenhirsche und Pistensäue stehen Schlange, um eine der begehrten Eintrittskarten zu ergattern.

Ein Blick in die Speisekarten fürsorglicher Gaststätten offenbart den großen Vorteil des Winters: Der König der Saison heißt Grünkohl. In der Restauration Bartsch (Viktoriastraße 54) bietet Chefkoch Mark Grinnell die Göttergabe Grünkohl mit dem Bonustrack Blutwurst an. Fachleute wissen, dass dadurch erhebliches Seelenglück ausgelöst wird. Schon vor Monaten meldete der US-amerikanische TV-Sender CNBC, die Schnellfutterkette McDonald’s plane, ihre Speisekarte um Grünkohl zu ergänzen. Dazu Spiegel Online: „Das Gemüse ist in Metropolen wie New York derzeit der letzte Schrei in der Öko-Szene.“ Aber wozu nach New York reisen? Wir bleiben in Bielefeld, denn nur hier serviert Wirtin Susanne Bartsch nach vollzogenem Grünkohlgenuss Bommi mit Pflaume im Hausrundenständer.

Als raffiniert muss das Grünkohlereignis bezeichnet werden, das Koch Robert Trendafelov bei Fisch Heidbrink (Am Bach 16) verursacht. Winzige Speckstücke zieren (optisch) und heben (geschmacklich) das Grünkohlerlebnis. An das edle Gemüse dockt der schlaue Koch exzellentes Rotbarschfilet an, das „auf den Punkt gegart“ ist, so der Befund des berühmten Gernessers Thomas Niekamp. In großes Erstaunen versetzt uns der Grünkohl in seiner marokkanischen Variante, und zwar mit Oliven, Salzzitronen und Knoblauch. Um Koch Mohamed Serroukh angemessen für diese fabelhafte Speisung zu danken, ist es angebracht, nach Abschluss der Sättigung stehend zu applaudieren. Sie finden den sympathischen Mann in der kleinsten Gaststube der Welt, also im Andalusien (August-Bebel-Straße 85). Sie ahnen es schon, das ist am Kesselbrink, und weil dieser Platz so reich mit gastronomischen Wunderorten gesegnet ist, wenden wir uns ihm nun zu.

Direkt unter dem Telekomparkhaus wohnt das Urfa Kebab. Hier haben Gäste vorgeschlagen, Koch Ömer Yolcu wegen seiner lukullischen Wohltaten in den Adelsstand zu erheben. Am Anfang der Wilhelmstraße leuchtet das Pexla. Hier verabreicht Gökben Yüksel astreine Pizza und entpuppt sich zum Nachtisch als niveauvolle Gesprächspartnerin. Am Brüderpfad finden wir das Potemkin. Hier kann man sich gepflegt von Eva und Julian vor dem Verdursten retten lassen und wird dabei live von akkuraten Kapellen beschallt. Nicht zu vergessen, die Traditionsorte am Kesselbrink: Die kleine Kneipe, wo Wirtin Motte flinke Pilsrunden an Dartwillige austeilt. Sowie Mutti’s Bierstube unter Wirt Ralf Köhne. Schon seit 1972 ist hier ein munterer Treff für schwule Männer und andere Leute, die gern tanzen. Was fehlt bei der Gastro-Aufzählung des Kesselbrinks? Natürlich das vegetarische Çiğköftem, das vorzügliche Asia Wok Ngoc Thao, der schmackhafte Sultan, der juvenile Kesselgrill, das nachtaktive Gegenüber und nicht zuletzt drei hochvitale Kioske. Um das Glück zu vollenden, findet auf dem Kesselbrink jeden Samstag der Wochenmarkt statt. Dann hagelt es zahllose goldene Köstlichkeiten zum Sofortgenuss auf die Kralle. Nur drei zauberhafte Beispiele: Der saftige Bio-Nusshefezopf von Backfee Elke Imrecke. Das frisch frittierte Seelachsfilet von Fischmeister Kurban Gel. Die heiße Brühwurst von Rossschlächter Frank Wächter. Wer könnte da widerstehen?

Unwiderstehlich ist auch die Hausmannskost von Maria Sladek. Seit 1979 bekocht die grundsympathische Dame die Gartenklause der Kleingartenanlage Klarhorst (Johanneswerkstraße 69a). Ob Schnitzel oder Rindsroulade, jede ihrer Kreationen ist eine Zeitreise in Omas gute Küche. Und überhaupt die Kleingartenanlagen – im Sommer nach einem Sonntagsspaziergang in den Gartenklausen einzukehren, versteht sich von selbst, denn hier gibt’s für kleine Taler lecker Kaffee, Kuchen und Pilsbier. Aber auch im Winter muss man sie aufsuchen, denn dann werden extra die Heizungen angeworfen. So auch bei Wirtin Karin Engel in der Kleingartenanlage Stauteich 3 (Heeper Straße 230). Während die gute Frau in der Küche wintertaugliche Gerichte brutzelt, zapft Servierfee Melanie Aberle alles, was wir wollen. Und die fröhliche Knobelrunde am Tresen fordert uns zum Mitspielen auf.

Zum Schluss ein Winter-Romantik-Tipp. Wer die Gattin betören möchte oder ein gelungenes First Date plant, wählt im Winter als Zielort das Café am Bürgerpark aus. Start an der Stapenhorststraße, und zwar kurz nach Einbruch der Dunkelheit, dann folgt ein ebenso beschaulicher wie müheloser Bergauf-Spaziergang durch den schlummernden Park. Aus dem schwarzen Dunkel der Nacht nähern wir uns dabei langsam dem warmen Licht der 1950er-Jahre-Architektur. Im Innern des schönen Gebäudes vollendet sich die Wohlfühltemperatur durch den seriösen Geräuschpegel, ein leckeres Abendmahl und die Herzlichkeit von Juniorwirtin Elena Finger.

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