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16. Apr 2015

Adiós Cafe Tropical

122 Jahre Gaststätte: Wir erzählen die Geschichte des Hauses Webereistraße 5

122 Jahre Gaststätte: Wir erzählen die Geschichte des Hauses Webereistraße 5

Letzten Sonntag war Schluss. Das Café Tropical in der Webereistraße hat für immer seine Tür geschlossen. Bald schon kommt der Abrissbagger und wird Platz machen für ein modernes Mehrfamilienhaus mit zehn Wohneinheiten. Demnächst wird als Nachfolgerin die Bodega Tropical am Oberntorwall 3 eröffnen. Anlass für uns, die Geschichte von 122 Jahren Gaststätte zu erzählen. Silvester 1990 öffnete des Café Tropical. Der Kolumbianer Antonio Uribe und der Spanier Vicente Garces hatten erkannt, dass in Bielefeld eine Gaststätte mit lateinamerikanischen und spanischen Speisen fehlte. Also wagten sie den Versuch – mit Erfolg. Bis zum letzten Tag war für viele Stammgäste ein Besuch im Café Tropical wie ein kleiner Urlaub. Vicente Garces hatte Bielefeld vor einigen Jahren verlassen, seinen Platz übernahm Jonny Steeg-Rivas.

Bis 1893 reicht die gastronomische Geschichte des Hauses zurück. Selbst der Biergarten mit der Kastanie stammt aus der Anfangszeit. Der erste Wirt hieß Heinrich Grabe. Der gelernte Bäcker verband die Gastwirtschaft mit einem damals üblichen Kolonialwarenladen. 1904 gab er den Wirtsberuf auf und zog ins Nebenhaus. Dort spezialisierte er sich auf die Produktion von Stangeneis, das die Wirte zur Lagerung ihres Bieres benötigten. Bis in die 1960er-Jahre bestand die Eisproduktion als Familienbetrieb fort. Grabes Nachfolger in der Wirtschaft hielten sich nicht lange. Im Laufe der Jahren hießen die Wirte Pallmeier, Blome und Hannemann. Das änderte sich erst, als Hugo Liebenfeld 1914 die Gaststätte übernahm. 45 Jahre blieb er der Wirt. Direkt gegenüber führte August Wiegand ein Gasthaus. In der Weimarer Republik wurde es zum Parteilokal der NSDAP, die gleich nebenan ihre erste Bielefelder Geschäftsstelle eröffnete. Hugo Liebenfeld dürfte das nicht gefallen haben, denn er hatte einen jüdischen Großelternteil, und die NSDAP setzte von Anfang an auf antisemitische Hetze. Das 1935 erlassene „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ stufte Hugo Liebenfeld als „jüdischen Mischling 2. Grades“ ein. Dadurch wurde er ausdrücklich von der „deutschen Blutsgemeinschaft“ ausgeschlossen. Aber mit Glück konnte es geschehen, dass solche Menschen von Verfolgung und Vernichtung verschont blieben, was bei Hugo Liebenfeld der Fall gewesen ist.

Erst mit fast 80 Jahren, im Jahr 1959, übergab er die Gaststätte dem jungen Ehepaar Henner und Inge Klostermann. Wie damals üblich, erzielten sie den Hauptumsatz mit Pils und Korn. Aber auch hausgemachte Frikadellen und Sülze liefen gut. Am Wochenende öffneten sie in der ersten Etage eine Bar mit Musik und Tanz. Zufrieden berichtet Henner Klostermann, dass er niemals die Polizei gerufen habe. Wenn seine Frau in der Tanzbar die Notklingel betätigte, dann eilte er aus der Gaststube nach oben und fand etwa englische Soldaten vor, die ihre Gürtel abgenommen hatten, um mit den Koppelschlössern auf Gäste einzuschlagen. Mit Unterstützung von Stammgästen klärte er die Lage. Dann ging das Tanzvergnügen weiter. In den 1960er-Jahren richteten die Klostermanns in den oberen Etagen möblierte Apartments ein. Eines davon bezog 1978 Roland Sanner. Der hatte sich als „DJ Don Rolando“ einen klangvollen Namen in der Disco-Szene von OWL erarbeitet und übernahm nun gemeinsam mit Karl Linnenbürger das Café Europa am nahegelegenen Jahnplatz. 1984 zogen sich die Klostermanns aus dem aufreibenden Gastrogewerbe zurück. Ihr Nachfolger Klaus hatte mit „Zum Kicker“ kein Glück. Schon nach einem Jahr musste er aufgeben. Danach folgte ein Intermezzo als griechische Kartenspielstube. Erst mit dem Café Tropical zog wieder dauerhaft neues Leben ein. Kurz nach der Eröffnung fand hier der junge Architekt Frank Stopfel seine zukünftige Ehefrau. Heute ist er zuständig für den geplanten Neubau.

Video-Clip von 1982: Karneval in der Gaststätte Klostermann
Video-Clip von 1982: Tombola des Sparvereins in der Gaststätte Klostermann

3 Comments

  1. DH

    Einer der wenigen Hinterhof-Biergärten der Innenstadt dahin 🙁 Danke für den Hinweis! Ich hätte im Sommer wohl ebenso rat- wie fassungslos vor der Baugrube gestanden…dann werden wir wohl mal zum Oberntorwall pilgern.

  2. P-H

    Kommt der schöne Kastanienbaum auch weg? Das wäre sehr schade.

  3. Michael Bielefeld

    Wirklich Schade! Das Cafe Tropical in Kobination mit dem alten, denkwürdigen Gebäude haben super nach Bielefeld gepasst. Jetzt geht ein Stückchen Historie verloren um neuen Wohnraum in guter Lage zu schaffen. Gut, dass das Cafe zumindest an einem neuen Standort erneut seine Pforten öffnet, denn das Tropical ist einfach eine super Adresse wenn man einfach mal ausspannen und Spaß haben möchte.

    LG Michael

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