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17. Mai 2019

„Ja, dafür habe ich all die Jahre trainiert!“

Tanzlehrerin für argentinischen Tango: Ariane Schmalbeck

Tanzlehrerin für argentinischen Tango: Ariane Schmalbeck

Frau Schmalbeck, warum gehört Ihr Herz dem Tango?

Seit 1996 tanze ich argentinischen Tango. Vorher habe ich Standard und Latein getanzt, mit viel Begeisterung, aber ohne, an Turnieren teilzunehmen. Das ist mir zu geleckt, also dieses Dauergrinsen, das passt nicht zu mir. Sportlich kann es sehr wertschätzen, aber das bin nicht ich. Beim Tango gibt es keine Turniere, denn Tango ist nicht normiert. Es ist nicht wie im Rumba oder Cha-Cha-Cha, wo es eine bestimmte Zählweise gibt und man mehr oder weniger jeden Schritt auf jedem Takt tanzt. Beim Tango darf ich Takte auslassen, denn Tango ist ein Improvisationstanz. Ich kann in jedem Moment neu entscheiden, ob ich langsam oder schnell tanze, ob ich vorwärts, rückwärts oder seitwärts gehe, ob ich eine Drehung tanze. Und das eben als Paar. Das macht es so spannend. Weil jeder zu derselben Musik anders tanzt. Hinzu kommt die Tagesform, der Raum und die Größe des Tanzpartners. Wenn alles zusammen passt, dann kommen dabei die Supertänze raus.

In Ihrer Tango-Schule wird nicht nur getanzt, warum?

Ja, in meinen Räumen bieten wir sowohl GfK, also Training für Gewaltfreie Kommunikation, als auch Tango an. Bei der Gewaltfreien Kommunikation geht es auch viel um die Frage, wo stehe ich? Und wie versteht der andere das? Und diese Kombination mit dem Tango passt für mich eins zu eins. Wenn ich nicht klar bin, in dem, was ich will, kann ich es dem anderen auch nicht vermitteln. Beim Tango tanzen habe ich keine Erwartung an den nächsten Schritt, sondern ich lasse mich auf den nächsten Schritt ein. Das ist Kommunikation: Ich muss erstmal gut zuhören, um dann darauf zu reagieren. Mit manchen Leuten kann man gut sprechen. Mit anderen gibt es Missverständnisse. Weil der eine nicht klar ist oder weil der andere nicht zuhört. Im Tango sieht man das. Ich kann’s von außen sehen.

Wie ist es beim Tango mit dem Führen und Geführt werden?

Für viele Frauen ist es ein ganz großes Thema, sich wirklich führen zu lassen. Also abzugeben. Geduld, sage ich immer, sollte der zweite Vorname sein. Einfach abwarten, und trotzdem neugierig bleiben, was als nächstes passiert. Wer führt, gibt eine Idee vor, macht einen Vorschlag. Im Tango sagt man auch nicht, dass du mich irgendwo hinschickst, sondern du lädst mich ein. Und ich entscheide, ob ich diese Einladung annehme. Und der Deal ist natürlich, dass ich das gerne möchte, denn wir wollen ja gemeinsam etwas Schönes erschaffen. Es ist ein sehr gleichberechtigter Tanz. Ich fühle mich nie als Anhängsel oder als Dekoration, sondern ich habe 50% Anteil an allem. Manchmal sogar mehr (lacht). Der Führende hat eine Idee, ich interpretiere diese Idee und dann ist sie vielleicht so geworden, wie er sich das vorgestellt hat. Aber vielleicht habe ich das ganz anders interpretiert. Und dann muss er sich sofort darauf einstellen und den nächsten Schritt so setzen, dass ich wieder mitkomme. Bei guten Tänzern weiß man gar nicht, wer genau Energie gibt und wer sie nimmt. Es fließt ineinander.

Ist das eine Besonderheit des Tango? Oder kann man das auch auf andere Tänze übertragen?

Für mich ist das eine Besonderheit im Tango. Wobei man andere Tänze genau so tanzen könnte. Aber das wird nicht so unterrichtet. Sondern es wird eher in ganzen Figurensegmenten unterrichtet. Das ist im Tango nicht so. Wenn ich im Kurs eine Figur zeige, dann zeige ich sofort eine Variation oder mehrere. Man braucht dazu natürlich eine Menge Technik, die muss man lernen. Das Ziel meiner Kurse ist aber nicht, dass die Schüler eins zu eins umsetzen, was ich ihnen beigebracht habe. Wenn sie das, was ich ihnen beigebracht habe, für sich entdecken, weiterentwickeln oder verändern – dann ist meine Idee aufgegangen.

Das wäre etwa beim Wiener Walzer gar nicht möglich?

Nein, da wird ja sogar vorgegeben, in welchem Winkel die Füße auseinander stehen müssen. Deshalb kann man das auch messen, als Wettkampf. Das gibt es im Tango nicht.

Im Tango, so hört man, gibt es keine zwanghafte Verteilung der Geschlechterrolle. War das immer schon so? Oder entwickelt sich das zur Zeit so?

Diese feste Geschlechterrolle verschwindet immer mehr. Es ist natürlich schon so, dass der Regelfall lautet: Mann führt, Frau folgt. Aber wir reden nicht mehr von ‚Männer und Frauen‘, sondern von ‚Führend und Folgend‘. Viele Frauen lernen immer mehr beide Rollen. Das hängt auch damit zusammen, dass es weniger Männer gibt, die tanzen und mehr Frauen, die tanzen wollen. Und die sagen dann automatisch: Bevor ich gar nicht tanze, führe ich. Dabei entdecken wir aber auch, was es einem bringt zu führen. Man entdeckt sich auch noch mal neu in der Rolle des Folgenden, weil ich ja viel souveräner sein muss, ich muss viel klarer sein. Und es gibt auch Männer, die miteinander tanzen. Das ist selten, aber je länger man tanzt, desto normaler wird es, gleichgeschlechtlich zu tanzen. Für mich ist es ganz normal, auch mit Frauen zu tanzen. Das ist auch spannend, denn Männer bewegen sich anders als Frauen. Sie haben einen anderen Bewegungsapparat, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Männer haben mehr Kraft, anderen Muskelturnus. Frauen haben eher wenig Kraft, haben aber auch oft eine viel höhere Bewegungserfahrung. Frauen machen oft Aerobic, sie haben schon eine Idee, wie sie sich zur Musik bewegen können. Früher auf Partys standen viele Männer mit einer Flasche Bier in der Hand am Rand der Tanzfläche rum. Dadurch haben sie natürlich weniger Bewegungserfahrung.

Was hat es mit den Begriffen Neotango und Salontango auf sich?

Das sind Stilrichtungen. Was ich unterrichte, das ist eher klassischer Salontango. Das heißt: Beide stehen auf ihrer Achse, jeder trägt sein Gewicht selbst und man trifft sich mit den Oberkörpern in der Mitte. Aber ich gebe mein Gewicht nicht ab. Man muss sich das so vorstellen, dass man ein ganz leichtes A bildet und man lehnt aneinander. Aber jeder steht noch für sich, autark. Aber man bleibt in einer engen Umarmung, die Verbindung wird nicht gelöst. Neotango ist eine andere Musik. Sie ist nicht traditionell, sie ist erst nach den 1950er Jahren entstanden. Sie ist noch experimentierfreudiger, die Bewegungen können größer werden. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Stilrichtungen. Und Salontango heißt immer, es ist sozialverträglich. Man tanzt in eine Tanzrichtung, es wird nicht überholt. Es gibt zwar Regeln, aber die sind nicht dafür da, weil es dogmatisch ist, sondern weil alle an diesem Abend ihren Spaß haben wollen. Also, man achtet auf den Vordermann, und bevor man auf die Tanzfläche kommt, guckt man, ob Platz ist. Man tritt nicht einfach hin, so dass die 50 Tänzer, die dahinter tanzen, auf einmal alle blocken. Das spricht alles für diesen Salontango. Der ist im Moment hier auch sehr üblich. Aber die Formen mischen sich. Ich tanze manchmal Salon und wenn ich dann mehr Platz habe, gehts mit Neo weiter.

Der Tango ist in der ganzen Welt verbreitet. Weil er so besonders ist? Oder gab es auch andere Gründe?

1976 musste ein Drittel der Bevölkerung aus Argentinien fliehen, weil in dem Land eine Diktatur herrschte. Diese Flüchtlinge haben natürlich auch ihren Tango mitgenommen. Und danach hat der Tango in Europa einen neuen Aufschwung erlebt. Das begann in Paris. In Argentinien war der Tango während der Diktatur verboten, weil keine Versammlungen stattfinden durften – und Tanzveranstaltungen waren ja Versammlungen. Deshalb war der Tango in Argentinien praktisch gestorben. Aber weil er sich durch die argentinischen Migranten in anderen Ländern ausgebreitet hat, ist er dann später, als dort wieder die Freiheit war, zurückgeschwappt nach Argentinien.

Kennen Sie das Bonmot des irischen Dichters Bernard Shaw: ‚Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.‘?

(lacht) Ja, das kenne ich. Denn das wird immer so vermutet. Aber wenn unsereines so klassische Bilder sieht, also der Mann mit der Rose im Mund, dann könnten wir fast brechen. Das spiegelt gar nicht wider, was der Tango wirklich ist. Die Annahme, Tango sei ein erotischer Tanz, liegt daran, dass manche Leute Körperkontakt schon als Erotik bezeichnen. Für mich ist das nicht Erotik, sondern das ist wie im Sport eine Partnerübung. Es ist manchmal innig, es ist nah, es ist auch schön, und es gibt auch eine Geschmeidigkeit der Körper. Aber das heißt für mich nicht, dass ich von der Fläche gehe und denke, ich will jetzt hier jemanden mitnehmen. Sondern man verlässt die Fläche und geht wieder ins Gespräch. Und dann ist das auch wirklich alles weg. Es mag natürlich auch Ausnahmen geben, es finden sich auch Paare beim Tango, aber die entstehen ja dadurch, dass man dann miteinander spricht. Also ich habe da noch keinen mitgenommen (lacht).

Man kann ja jemanden im Bus kennenlernen oder beim Tango.

Natürlich ist der Tangoabend ein sozialer Ort, wo man Leute kennenlernen kann. Es gibt viele Menschen, mit denen kann ich super tanzen, aber die kämen für mich als Mann fürs Leben nicht in Frage. Ich kann mich erinnern, als ich mit dem Tango tanzen anfing, dass mein Mann gefragt wurde, ob er das nicht komisch fände, dass seine Frau immer mit anderen Männern tanzt. Er hatte mich als Tänzerin kennengelernt und für ihn war immer klar: Ich gehe tanzen. Und natürlich komme ich auch wieder zurück. Um ein guter Tänzer zu werden, muss man viele Stunden Arbeit investieren. Wenn man nur eine Frau kennenlernen will, ist der Aufwand riesig.

Aber Sie tanzen doch nicht nur in Bielefeld?

Ich war letztes Jahr mit vier Frauen auf Mallorca unterwegs. Ein großes Tanzfestival mit 1.200 Leuten. Das ist ein ganz anderes Leben. Man geht tagsüber an den Strand, danach schläft abends bis acht, halbneun, dann geht man duschen, brezelt sich auf und zieht um elf los. Und morgens um fünf oder sechs kommt man zurück. Wann macht man sowas sonst mit 50 bis 60? Das ist doch ein super Leben, als Nachtschwärmer die ganze Nacht Tango tanzen. Natürlich merkt man das morgens. Dann sind wir alle müde, aber es macht einfach Spaß. Wir tragen extra Klamotten und tanzen in High Heels. Also auch das Frau sein kann man noch mal anders entdecken. Hier würde ich jetzt nicht in einem Tangofummel rumlaufen, das wäre ja albern. Aber wenn man abends rausgeht, kann man sich auch mal zurechtbasteln. Das würden wir uns von den Männern auch manchmal wünschen (lacht). Manche machen das, aber manche nicht.

Und worum gehts beim Queer Tango?

Queer Tango, das ist gleichgeschlechtlich. Das machen sowohl homosexuelle oder lesbische Paare, als auch heterosexuelle Paare. Ich gehe zu Queer Tango, weil ich eben beide Rollen tanze. Beim Queer Tango können fast alle beide Rollen tanzen, sie haben oft ein sehr hohes Niveau. Es sind viele dabei, die in der Homoszene unterwegs sind, aber man kann auch als Hetero dahin gehen. Mir geht es um das gemeinsame Schaffen. Wenn es gut läuft, fliegt man über die Fläche, dann ist alles so leicht. Und das ist dann der Moment, an dem man denkt: Ja, dafür habe ich all die Jahre trainiert!

Liebe Frau Schmalbeck, Sie haben uns überzeugt. Wir melden uns für Ihren nächsten Schnupperkurs an.

—> Tangotick, Walther-Rathenau-Straße 47, 33602 Bielefeld

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