Blog

29. Apr 2011

Vom Sterben der Speisen

Sorglos scherzte man bis tief in die 1980er Jahre hinein, der Deutschen liebstes Haustier sei das halbe Hähnchen. Das galt natürlich auch für Bielefeld. Mit dem Kosenamen Gummiadler wurde der Brathahn verehrt, was ahnen lässt, wie groß die Liebe zu dem nahrhaften Imbisstier gewesen sein muss. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass der schmackhafte Grillvogel einmal die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Imbissgerichte anführen würde. Doch heute fristet er ein Nieschendasein in den letzten tapferen Enklaven alter Hähnchengrillkunst.

Noch düsterer sieht es für das Schaschlik aus. Ein Exot, wer auf Anhieb zwei Bielefelder Schaschlik-Quellen nennen kann. Und erinnert sich noch jemand, wie eine Ochsenschwanzsuppe schmeckt? In aller Stille wurde sie von der Gulaschsuppe verdrängt, und inzwischen muss auch diese ernsthaft um ihre Existenz fürchten. Selbst „die gute alte Currywurst“ (Rolf Grotegut) hat in der letzten Dekade erheblich an Bielefelder Terrain verloren.

Aussterbende Speisen haben keine Lobby. Zum Glück, denn allen ist eine Zeitspanne beschieden, und wenn die abgelaufen ist, dann heißt es, Abschied nehmen. An ihre Stelle treten neue Gaumenereignisse, die uns mit den Jahren lieb und vertraut werden. So sind Döner, Gyros & Co. wesentliche Säulen unserer zivilisatorischen Sättigungsroutine geworden, ja „unsere guten Freunde“ (Sauerland-Karl). Menschen mit offenem Geist und neugierigem Magen freuen sich schon jetzt auf kulinarische Innovationen, die uns die Zukunft servieren wird. Allerdings stellen wir nicht ohne gewisse Erleichterung fest, dass sich frittierte Taranteln und gefüllte Kakerlaken als Neuerung nicht so richtig durchsetzen können. Ist es der Preis (100 Taler pro Tier), der den Appetit ausbremst? Großes Vergnügen hätten wir hingegen an einer kleinen Retrowelle, sie könnte zum Beispiel die Wiedergeburt der Ochsenschwanzsuppe als coole In-Speise inszenieren. Da würde die Jugend staunen, wovon sich ihre Vorfahren einst voller Wonne ernährt haben. Ochsenschwanzsuppe, Schweinskopfsülze, Lungenhaschee – allein die Namen sind doch schon goldig!

In diesem Sinne: Mahlzeit!

8 Comments

  1. Diana Hildebrandt

    Oh ja, eine gute Sülze! Auf dem Flaneurglobus wäre in puncto Retro-Speisen noch ein Fläggchen in UK, Edinburgh zu setzen: Dort hat sich das Monster Mash Café der britischen Urform von Imbißkultur verschrieben, bevor Fritten bzw. Fish & Chips die Insel eroberten: Mash & Bangers, vulgo Kartoffelpü & Würstchen, garniert mit Gravy, einer Sauce, die wahrhaft gravitätisch daherkommt. Und das alles in feinstem 50ties Schick – sehr empfehlenswert.

    1. Bielefelder Flaneure

      Wohl wahr, kling sehr verlockend, was Sie da berichten, und dieses Monster Café hat außerdem einen überzeugenden Webauftritt. Kommt auf unsere Liste, das Ding. Und bitte, verehrte Frau Hildebrandt, denken Sie nicht, dass wir Ihren letzten Tipp vergessen hätten – kommt Zeit, kommt Besuch bei einem gewissen Tier.

      So grüßen
      Ihre stets spontanen Bielefelder Flaneure

      1. Diana Hildebrandt

        Etwas makaber just an dieser Stelle, nur fürchte ich fast, Sie kommen zu spät, meine lieben Herrn Flaneure. Stand ich jetzt doch schon dreimal vor dem dunkel dräuend seltsam verwaist aussehenden P—h & drückte mir vergeblich die Nase platt: Schon wieder off the scene, so scheint’s. Leider.

  2. Die Altherrenriege

    Brathahn to go … das wär wohl hip genug für heutiges Volk.

    Aber werden sich die Konsumenten an krosse Hühnerhaut jemals gewöhnen können, ssobald sie nicht kleingemöllert als panierte Fleischmehltabletten mit zuckriger Würzsoße vom McDingens in die Pappschale geworfen wird …

    1. Bielefelder Flaneure

      Berechtigte Zweifel, die wir teilen.

  3. milos

    Hey,Jungs,
    habt ihr denn auf euren mannigfachen Streifzügen irgendwo Schaschlik angetroffen?
    Bin grosser Schaschlik Freund und wäre über Tips dankbar…
    Hartelijk bedankt!

    1. Bielefelder Flaneure

      Ein wunderbares Schaschlik hat uns zuletzt Roswitha Kohrt-Böse serviert. Die Gute praktiziert die ambulante Versorgung von Märkten und Festen. Auf dem letzten Weihnachtsmarkt hat sie uns das hier serviert: Ein schönes Zwiebel-Schaschlik.

      1. milos

        Mjam,lekker!
        aber muss ich jetzt bis zum Weihnachtsmarkt warten?
        is ja noch nen bischen hin….

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.