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27. Apr 2018

Der Dorf-Kindergarten

Zu Gast bei Jutta Schmidt-Ganßauge

Zu Gast bei Jutta Schmidt-Ganßauge

Ein selbstverständlicher Teil der Altstadt ist das Haus der Kindermann-Stiftung. Seine Geschichte reicht 175 Jahren zurück. Damals hießt es „Kleinkinder-Bewahranstalt“ und war somit Bielefelds erster Kindergarten. Aus der Not geboren, denn die beginnende Industrialisierung löste Familienstrukturen auf. Heute trägt das Haus aus gutem Grund den Titel „Familienzentrum“, und immer noch tummeln sich hier viele, viele Kinderchen, insgesamt 120.

Wir besuchen Jutta Schmidt-Ganßauge, die Leiterin des Hauses. „Wir gehören zur Altstadt“, sagt sie und meint das nicht nur geographisch. „Unsere Kindergruppen ziehen mit dem Bollerwagen durchs Quartier und kaufen auf dem Markt ein.“ Die herzliche Frau ist studierte Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet hier seit 1984. Haben sich die Kinder in den Jahrzehnten verändert? Sie antwortet ohne zu zögern: „Die Kinder mit ihren Grundbedürfnissen haben sich nicht verändert. Heute wie früher brauchen sie Akzeptanz und gute Bindungen.“ Leider hätten die gesellschaftlich unbeobachteten Freiräume der Kinder abgenommen. Doch gerade die unverplante Zeit sei „ein großes Erlebnis und ein Geschenk“ für Kinder, und sie fügt hinzu: „Wenn sie Neugier und Mut ausleben dürfen, entwickeln Kinder Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.“ Dabei seien Besuche in der Natur besonders geeignet. „Natürlich zu Fuß, dann kommt der Kreislauf in Bewegung und es gibt immer viel zu entdecken, wie das Spiegelbild eines Regenbogens in der Pfütze.“ Erfreut berichtet die Pädagogin von ehemaligen Kita-Kindern, die Jahre später wiederkommen, aber diesmal, um nach einem Praktikum zu fragen. Stets erzählten sie dann von ihren schönen Erinnerungen, die sie aus ihrer Kindergartenzeit bewahrt haben.

Eine Veränderung sei, dass heute viele Kinder mehrsprachig aufwachsen. Aktuell hinzugekommen sind bei der Kindermann-Stiftung sechs Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Deren Eltern erlebt Jutta Schmidt-Ganßauge als sehr dankbar und sehr freundlich. Anfangs verstanden die Kinder kein Wort Deutsch. Das sei auch für die deutschen Kinder bedeutsam, denn so entwickle sich Respekt gegenüber der eigenen und der fremden Kultur. Dazu passt die Lebensgeschichte des Stifters Wilhelm Kindermann. Mit 21 Jahren verließ er Bielefeld, um sein Glück in den USA zu suchen. Auch nach seinem wirtschaftlichen Erfolg hat er seine Heimatstadt nie vergessen und daher 1932 mit einer Spende die Stiftung gegründet.

Jutta Schmidt-Ganßauge ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Mit 19 Jahren kam sie für das Studium nach Bielefeld und konnte sich damals nicht vorstellen, nach dem Studium hier zu bleiben. Heute ist sie hier fest verwurzelt. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder sowie das Enkelchen Leo. In der Freizeit bewegt sie sich gern in der Natur. Und ihrem Mann zuliebe hat sie sogar begonnen, auf der Ostsee zu segeln.

—> Kindermann-Stiftung, Waldhof 12, 33602 Bielefeld

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