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16. Nov 2018

10.000 Kilometer Flucht

Stephan Flerlage und Siddik Rahman beim Deutschunterricht

Stephan Flerlage und Siddik Rahman beim Deutschunterricht

Callisto heißt das kleines Restaurant, das Stephan Flerlage am Rande der Altstadt betreibt. Es offeriert anspruchsvolle Speisen in erfreulich unaufgeregter Atmosphäre. Hier kann man die Sorgen der Welt leicht vergessen. Doch im April 2016 steht ein junger Mann in der Tür. Etwas schüchtern, aber freundlich fragt er nach Arbeit. Stephan Flerlage spricht mit ihm und erfährt, dass er Siddik Rahman heißt und Flüchtling ist. Aber im Callisto ist kein Arbeitsplatz frei. In den folgenden sechs Monaten steht Siddik Rahman jeden Monat einmal im Restaurant und wiederholt seine Frage. Im Oktober 2016 bietet ihm Stephan Flerlage ein Praktikum an. Das ist der Anfang einer gemeinsamen Geschichte, die bis heute andauert.

Siddik Rahman ist 1997 in Bangladesch geboren. Aufgewachsen ist er in einem Dorf an der indischen Grenze. Die Familie ist arm, sie wohnt in einer Blechhütte, fließendes Wasser gibt es nicht. Eine Schule kann er nur vom achten bis zum zehnten Lebensjahr besuchen, danach muss er, wie jedes Familienmitglied, arbeiten. Als er in die Pubertät kommt, entdeckt die Familie, dass er homosexuell ist. In der konservativen Lebensform seines Heimatdorfes empfindet die Familie das als Schande und reagiert mit Gewalt. Im Alter von 16 Jahren flieht er aus der dörflichen Bedrohung in die Anonymität der Hauptstadt Dhaka. Zur Mutter hat er noch gelegentlich Kontakt. Sie schafft es sogar, ihm einen Flug nach Bagdad zu finanzieren. So kann die Familienschande das Land verlassen. In der irakischen Hauptstadt arbeitet er in einer Werkskantine. Bald schon kocht er hier allein für 50 Arbeiter. Das geht 18 Monate so und gefällt ihm sehr gut. Dann bedrohen ihn einige Polizisten. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, aber weiß sich nicht zu wehren. Als der Stress mit der Polizei eskaliert, entschließt er sich erneut zur Flucht. Er findet Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen und schließt sich ihnen an. Sein Weg führt durch die Türkei, Griechenland und den Balkan. Immer wieder zu Fuß, aber auch über’s Meer in einem kleinen Schlauchboot ohne Motor. In der Türkei und in Griechenland haben ihm die Menschen zu essen gegeben, sagt er mit dankbarem Blick. Über die Gewalt, die er auch erleben musste, redet er nicht gern. Aber Stephan Flerlage hat er sich dazu anvertrauen können.

Vormittags besucht Siddik Rahman einen Deutschkurs, danach vertieft Stephan Flerlage das Gelernte mit ihm. Das kann manchmal zwei Stunden dauern. Nach einer Pause beginnt die Arbeit in der Küche. Aus dem Praktikum ist eine feste Anstellung als Beikoch geworden. Bei den Kollegen ist er sehr beliebt. Stephan Flerlage sagt: „Er sieht so viel“ und beschreibt damit das Interesse an der Arbeit. In den zwei Jahren, die er ihn nun unterstützt, hat Stephan Flerlage die simple Erkenntnis gewonnen, dass es jedem auch selbst gut tut, anderen zu helfen.

Anfangs lebte Siddik Rahman in einem Bielefelder Flüchtlingscontainer. Ein sehr belastender Lebensalltag, weil ohne Tagesstruktur, aber mit vielen Nationalitäten auf engstem Raum. Davon berichtet er nur zurückhaltend. Er beklagt sich nicht, aber man begreift den Druck in dieser Zeit. Schließlich kann er mit einem anderen Flüchtling eine kleine Wohnung in Sennestadt beziehen. Von hier aus reist er dann zur Arbeit ins Callisto. Kein Problem mit Bus und Bahn, aber als einmal spät abends die letzte Bahn schon fort ist, macht er sich zu Fuß auf den Heimweg. Vom Jahnplatz bis Sennestadt. Das zieht sich. Siddik Rahman lächelt verlegen, als habe er einen Fehler gemacht. Inzwischen hat Stephan Flerlage Erfolg bei der Wohnungssuche gehabt. So konnte Siddik Rahman ein Zimmer im Bielefelder Westen beziehen. Es ist sehr klein, eher sowas wie ein einfaches Hotelzimmer, aber er freut sich darüber, denn nun ist der Weg abends nach Hause sehr einfach.

„Jemanden wie ihn darf man doch nicht allein lassen“, sagt Stehpan Flerlage und fragt sehr ernst: „Wie soll das denn sonst funktionieren?“ Siddik Rahman hat die 10.000 Kilometer lange Flucht erlebt und überlebt. Aus seinem Dorf in Bangladesch über Bagdad im Irak bis nach Europa. Er musste lernen, dass Flucht wie Krieg ist. Nun lernt er seit zwei Jahren für den Frieden. Und dafür ist er sehr dankbar.

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