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25. Nov 2019

Der Bielefelder Rosenkavalier

Zwei, die zusammengehören: Bielefeld und Mohamed Zia mit seinen prächtigen Rosen

Zwei, die zusammengehören: Bielefeld und Mohamed Zia mit seinen prächtigen Rosen

Wenn der Abend kommt, wird Mohamed Zia zum Rosenverkäufer. Zuverlässig sorgt er für die sympathische Präsenz eines galanten Kleingeschenks in unseren Abendgaststätten. Niemand, der ihn nicht in der Ausübung seines Amtes kennt. Schon seit 1981 absolviert der zurückhaltende Mann seine abendlichen Runden. Dass er dabei in all den Jahren tagsüber hauptberuflich als Lagerarbeiter und auch als Fahrer gearbeitet hat, zeichnet ihn als fleißigen Menschen aus. Selbstredend hat er seinen ambulanten Rosenhandel als Gewerbe angemeldet – Seriosität ist Mohamed Zia wichtig. Ebenso die Qualität der Rosen, die er immer frisch im Großmarkt einkauft. Seine Kernarbeitszeit ist 19 bis 22 Uhr. Danach, so seine Erfahrung, haben die Leute gewöhnlich anderes im Sinn.

Mohamed Zia stammt aus der pakistanischen Stadt Gujrat im Nordosten des Landes. Seine Muttersprache ist Urdu. Eine Sprache, die weltweit von etwa 250 Millionen Menschen gesprochen wird. Sie ist eine historisch entstandene Bildungssprache, ihr Name lautet übersetzt „Sprache des gebildeten Hofes“. Vielleicht erklärt sich damit Mohamed Zias stets höfliches Verhalten. Durch seine langjährigen Visiten ist er natürlich zum profunden Kenner der Bielefelder Gastro-Historie geworden. Ohne auch nur eine Sekunde zu grübeln, kann er verflossene Namen aufzählen: Kulisse, Hannenfass, Paulanerkeller, Dixi, Opera, Ambassador-Club und so weiter. Selbstverständlich kann er ebenso flott die Namen der Wirtsleute hinzufügen und kleine Geschichten dazu erzählen. Mohamed Zia ist ein aufmerksamer Beobachter. Was hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten? Früher, so weiß er zu berichten, hatten die Leute mehr kleines Geld übrig für einen spontanen Rosenkauf. Aber auch den Wandel der Konventionen spürt er. Des Kavaliers schwärmerische Geste, einer verehrten Dame die Zuneigung durch ein Rosengeschenk zu bekunden, ist inzwischen rar geworden. Früher haben die Leute ihn sogar schon erwartet. „Warum kommst du heute so spät?“ musste er oft genug hören.

Mohamed Zia ist verheiratet und hat fünf Kinder. Wenn er von ihnen spricht, leuchten Stolz und Zufriedenheit in seinen Augen. Der älteste Sohn hat soeben seine Ausbildung in einer namhaften Bielefelder Gastronomie abgeschlossen, der andere Sohn wird Industriekaufmann in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, und die drei jüngeren Töchter steuern in altersgemäßem Intervall auf das Abi zu. Der Fleiß des Vaters hat auf die Kinder abgefärbt.

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