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17. Dez 2019

Kneipensterben – was sagen die Flaneure dazu?

Natürlich mit Flaneur-Weisheiten: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

Natürlich mit Flaneur-Weisheiten: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

Die aktuelle Ausgabe der beliebten Zeitschrift BIELEFELD GEHT AUS hat uns zum Kneipensterben befragt. Jetzt auch hier online zu lesen: Nach einem Rückblick auf die historische Trinkkompetenz und einer korrekten Einordnung des gastronomischen Rauchverbots bieten wir am Ende einen optimistischen Blick auf die letzten standhaften Trinkreservate.

Es wird viel vom Kneipensterben gesprochen – was sagen die Flaneure dazu?
Das Wort Kneipensterben mögen wir nicht. Es tritt so reißerisch auf. Statt vom Sterben zu reden, schlagen wir vor: „Veränderung des Freizeitverhaltens“. Früher traf man sich regelmäßig auf ein paar Glas Bier in der Stammkneipe. Die Freizeitmöglichkeiten waren viel geringer als heute und der Alltagsradius war kleiner. Außerdem säuft man heute einfach nicht mehr so viel wie früher. Da hilft den Brauereien auch kein Craft Beer und den Brennereien kein Whisky Tasting. Gesundheit ist das große Leitwort unserer Zeit. Früher unvorstellbar: alkoholfreies Bier! Wirkungsorientiertes Trinken war Usus.

Wollt ihr damit sagen, dass man sich früher ständig betrunken hat?
Das nicht, aber ein Schwips war durchaus erwünscht. Um es mit einem Bonmot des Schauspielers Harald Juhnke zu sagen: „Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.“ Heute spielt der Alk bei der Masse der jungen Leute eine viel geringere Rolle. Die Älteren trinken noch ganz gern, aber dann zu Hause. Vor 50 Jahren wurden 10% des Bieres zu Hause konsumiert und 90% in der Kneipe. Das ist heute genau umgekehrt. Und das spüren die Wirtsleute in der Kasse.

Wie sah die Kneipenszene aus, als ihr Flaneure 2007 an den Start gegangen seid?
Zuerst waren wir in der Ostschänke. Die anwesenden Herren verkehrten schon seit Jahrzehnten dort. Wirt Eddie freute sich über neue Gesichter, und im Verlauf von einigen Bieren erfuhren wir seine ganze Lebensgeschichte. Das hat uns so gut gefallen, dass wir dann monatelang eine Kneipe nach der anderen abgearbeitet haben. Stell dir vor: Bei Taki am Hauptbahnhof wurde auf einer telefonzellengroßen Tanzfläche geschwoft. Wir hatten großen Spaß und unsere Vorurteile implodierten.

Es war Eure Idee, dass wir unser Gespräch hier im Barley führen. Wieso?
Weil dem Barley die Mischung aus Tradition und Veränderung gelungen ist. Wirt Christoph Bullermann ist Überzeugungstäter. Genau hier im Keller traf man sich schon vor Jahrzehnten zum kollektiven Alkoholgenuss, und zwar die ganze Nacht. Damals hieß der Ort Schatulle, später dann Cheers. Als eine Theke mit Alkoholausschank nicht mehr zog, verschwand das Cheers und mit ihm die Stange, an der die Feuerwehr im Alarmfall heruntergerutscht wäre – okay, Scherz muss sein. Aber das Barley braucht keine Stange, denn es träufelt feine Getränke in die Gäste hinein. Dieses Nachtschwärmer-Kundensegment bedienen auch die Jungs in der Bar vom Légère Hotel, gleich hier um die Ecke. Aber Gastronomie war noch nie ein einfaches Geschäft, auch die Neuen müssen rackern. Auch nachts. Da darf man ruhig mal Dankeschön sagen.

Welche Rolle hat das Rauchverbot gespielt?
Wir waren gegen dieses rigide Rauchverbot. Aber heute gilt: Wenn das leckere Abendessen auf dem Tisch steht, will niemand mehr, dass nebenan gequarzt wird. In anderen Bundesländern darf man in Trinkstuben rauchen. Aber auch dort verschwinden die Eckkneipen. Eine fiese Belastung ist hingegen Sky. Frag mal einen Sky-abhängigen Kneipier, was diese Firma ihm abknöpft. Du wirst es nicht glauben.

Welchen untergegangenen Kneipen trauert ihr nach?
Natürlich dem wunderbaren Wilbrands Krug von Stjepan Jularić. Seine Mettbrötchen als bierbegleitende Speisen fehlen der Welt. Oder das Krümel, jahrzehntelang die kleinste Kneipe Bielefelds. Hier haben wir Flaneure gesungen: „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“. Und Wirt Vasili Kalabatos hat uns dabei gefilmt. Kann man noch heute bei Youtube bestaunen. Aber reden wir doch nicht nur über die verblichenen, sondern loben stattdessen die weiterhin aktiven Trinkstuben. Norbert Budewig etwa, der seit 1977 in seiner Zwiebel zapft. Er möge bitte nie damit aufhören. Oder Zur Brücke in Brake, wo der supernette Stavros Karakatsanis zuverlässig Pilsglück produziert. Oder der Gentleman-Wirt Mehmet mit seiner zapfenden Tochter Berid im Taubenschlag an der Heeper Straße. Oder die jungen Leute vom Kesselbrink, die mit Potemkin und Gegenüber Großes leisten. Es gibt so viele gute Trinkorte.

Welche Kneipenkonzepte haben Zukunft?
Wir waren mal in London bei Vapiano. Die Bedienung erklärte uns, dass Bier und Pizza hier genauso wie in deutschen Vapianos schmecken würden. Wer sowas mag, ruft der auch gern bei Hotlines an? Für uns ist eine Gaststube dann attraktiv, wenn sie keine Massenabfertigung praktiziert und das Betriebsklima stimmt. Sowas weht mental zum Gast hinüber. Also der Chef arbeitet selbst in vorderer Linie und die Angestellten werden anständig entlohnt. Und wenn Pils und Futter dann noch munden – top! Aber das gibt es doch alles bei uns. Als wir im September unser Ich-Denkmal feierlich in der Altstadt eingeweiht hatten, sind wir anschließend im Rock Café eingefallen. Die Bude war voll, die Stimmung war super. Wirt Niklas Meyer und seine Mannschaft hatten derbe zu tun. Trotzdem wurden wir tatkräftig vor dem Dehydrieren bewahrt. Mit anderen Worten: Der gute Geist der alten Eckkneipen lebt.

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