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26. Jun 2019

Die Unkaputtbaren

Wieder mit Flaneur-Erlebnissen: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

Wieder mit Flaneur-Erlebnissen: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

In der aktuellen Ausgabe der beliebten Zeitschrift BIELEFELD GEHT AUS summieren wir – hübsch bebildert – erstaunliche historische Fakten mit hohem Aktualitätsbezug. Jetzt auch hier im Flaneure-Weblog zu lesen:

Wandel ist Normalität, auch in der Gastronomie. Daher inspiziert die Bielefelder Gästeschar jede Neueröffnung mit wachen Augen und mit Entdeckerfreude von exotischen Novitäten. Dennoch gibt es Traditionsstuben, die seit Jahrzehnten mit trendfreier Qualität überzeugen. Sie, die Unkaputtbaren, sind Zeugen einer Zeit, als die Welt noch keine subtilen Insektenburger kannte und auch keine veganen Pekingenten.

Noch heute schwärmen unzählige Leute von der alten Bielefelder Fischgaststätte in Sichtweite des Spindelbrunnens. Von 1929 bis 1982 futterten die Bielefelder Menschenmassen in der stets vollbesetzten kleinen Gaststube und freuten sich über das, was ihnen wieselflinke Kellnerinnen auf den Tisch stellten. Der Hit war immer das wunderbare Seelachsfilet mit hausgemachtem Kartoffelsalat. Doch dann – oh weh! – wurde die vielgeliebte Fischbratküche – so ihr inoffizieller Ehrenname – von einem dicken Einkaufszentrum verdrängt. Aber schon 1983 erstrahlte sie in neuem Glanz im Zentrum der Stadt (Jahnplatz 6). Bis heute ist ihr Ambiente maritim ausgerichtet, so dass wir die schmackhaften Fischgerichte in einem waschechten Rettungsboot einnehmen können. Natürlich hat hier schon der berühmte Bielefelder Shanty-Chor nach erfolgreicher Sättigung seemännisches Liedgut anstimmt. Seit 1994 arbeitet Michael Wernemann an diesem menschenfreundlichen Ort. 2004 hat er die Gaststube als Wirt übernommen und pflegt zuverlässig ihre Tradition. Dazu gehört selbstverständlich die tägliche Zubereitung des prominenten Kartoffelsalats nach uraltem Rezept – täglich 150 Kilo.

Wunderbar uneitel, aber dennoch sehr erfolgreich betreuen zwei kroatische Traditionshäuser seit Jahrzehnten den Bielefelder Hunger. Schon 1973 gegründet die Familie Škaro ihr Restaurant Split (Herforder Straße 242), um es dann 36 lange Jahre sehr erfolgreich zu führen. 2009 legte sie die Geschicke des Hauses in die erfahrenen Hände von Fatma Abou-Gad. Die fleißige Frau betont ihr großes Motto „Split bleibt Split“ und ist ihm sowohl bei den gelungene Speisen als auch beim Interieur immer treu geblieben. Dass viele ihrer Stammgäste noch aus den Zeiten der Familie Škaro stammen, spricht für sich. In der gleichen Liga spielt die Hanseatenstube (Prießallee 16). Seit 1975 ist sie ein Familienbetrieb mit Herz. Die Wirtsleute Ljubica und Mirco Dzeko werden über die Stadtgrenzen hinaus geliebt wegen ihrer ebenso köstlichen wie üppigen Portionen. Und wenn Mirco Dzeko am Ende des Abends mit leichter Hand den Sliwowitz serviert, dann wissen wir, dass die Welt gut ist.

122 Jahre Restaurant Bartsch (Viktoriastraße 54), das ist ein nobles Alter mit Geschichtsbuchrelevanz. In vierter Generation steht Vollblutwirtin Susanne Bartsch am Tresen. Das Gasthaus war ihr Elternhaus und bis heute fühlt sich die emsige Dame hier sichtbar wohl. Küche, Kegelbahn, Zapfgeschwindigkeit – alles hat sich in all den Jahren einen derart goldenen Ruf bewahrt, dass die Gaststube immer mit fröhlichen Menschen gefüllt ist. Aber Susanne Bartsch hegt nicht nur die Tradition des Hauses, sondern sie öffnet es auch gern für Neues. So erklingt regelmäßig Swing-Musik zu bunten Lindyhop-Partys und auch dem Tango gehört zyklisch das Bartsch-Parkett. Zum Abschied bewundern wir das Kotzbecken im Männerklo. Heutzutage ist es dauerhaft verwaist, doch es bleibt ein beeindruckendes Monument verflossener Trinktradition. Wieso aber, so fragen wir die Denkmalbehörde, fehlt das amtliche Denkmalschild neben dem Bottich?

Und nun würdigen wir einen Mann, der am 16. August sein 70. Lebensjahr vollenden wird. Es geht um Karl Richter, den Fels in Bielefelds gastronomischer Brandung. Seit 1995 führt er sein Stolander (Alfred-Bozi-Straße 9) mit dem Statement: „Ich wollte nie eine Trendkneipe sein.“ Schon 1967 beginnt er als Kellner zu arbeiten, und zwar in der Jazz-Klause, damals ein top Brennpunkt für Musik und Bier in der Marktstraße. Seine weiteren Stationen sind allesamt namhafte Gastroperlen: Pinte, Schlösschen, Hechelei oder Siekerfelde. Und natürlich die Karlsklause in der Stapenhorststraße. Hier trafen sich nicht nur Arminia-Fans, sondern auch Fahrlehrer mit ihren Schülern zum Bierchen – und dann ab auf die Straße. Ja, so war das in den 80er Jahren. Aus den Tiefen der 70er präsentiert uns Karl Richter ein prima Stimmungsfoto, das ihn (links) mit Kellner-Kollegen am letzten Tag des unvergessenen Lindenkellers zeigt. Heute begrüßt er Gäste im Alter von 18 bis 80. Davon träumt jeder Wirt. Dass er 2010 in dem wuchtigen Spielfilm „Die Bielefeld-Verschwörung“ in der Rolle des Bürgermeister aufgetreten ist, war nur angemessen.

Zum Abschluss wollen wir der Gaststuben gedenken, die der Wandel fortgeweht hat. Die meisten sind zu Wohnungen geworden wie Café Tropical, Black Rose oder Kleine Plötze. Andere wurden neuen öffentlichen Nutzungen zugeführt. Statt Altstadttreff gibt es jetzt eine niedliche Kita, das Bielsteineck mutierte zu einem Buddha-Verehrungszentrum und im alten Royal werden heute Muskeln elektrisch angekurbelt. Aber nachdenklich macht uns die Metamorphose der wunderbaren Trinkstube Jordan in nichts Geringeres als ein Beerdigungsinstitut. Was will uns der Weltgeist damit sagen?

In diesem Sinne: Ein Prosit unseren tapferen Wirtsleuten!

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