Blog

28. Jun 2018

Im Wandel der Zeit

Wieder mit Flaneur-Weisheiten: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

Wieder mit Flaneur-Weisheiten: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

In der aktuellen Ausgabe der beliebten Zeitschrift BIELEFELD GEHT AUS laden wir ein zum Kneipensport, betrachten die bewegende Historie des Burgers und seines Stiefbruders, den Köttbullar, und bekommen zum Abschluss einen prächtigen Eisbecher serviert. Jetzt auch im Flaneure-Weblog:

Das Kegeln ist ein schöner Sport, man kommt mal von der Alten fort“ lautete einst das fröhliche Motto des Bielefelder Kegelvereins „21/22 Bahn frei!“. Viele Jahrzehnte hatte er sich in der Restauration Bartsch (Viktoriastraße 54) sportiv betätigt, doch inzwischen gibt es ihn nicht mehr. Und die Kegelbahn, als populärer Kneipensportort, ist in die existenzielle Bredouille geraten. Auch andere Kneipensportarten dünnen aus. Das Knobeln etwa oder Skatrunden, einst gastronomischer Massensport, fristen heute ein Nischendasein. Zu ihren letzten Enklaven zählen der solide Wildbrands Krug (Wilbrandstraße 97) oder Norbert Budewigs glückliche Zwiebel (Stapenhorststraße 61).

Das Bundesligaspiel als kollektives TV-Stammkneipen-Erlebnis siecht zunehmend, denn die Teuer-Preise des Monopolisten Sky gehen den Wirten an die Existenz. Was sich noch wacker hält, ist das Dart-Vergnügen. Zum Beispiel in der Stadtteilkneipe Kleine Howe (Kleine Howe 28). Jede Woche trainiert hier verlässlich die Hausmannschaft Triple Bulls. Final aus der Mode gekommen ist die Kampfsportart Kampftrinken – seit Jahren sinkt Deutschlands Alkoholkonsum – und damit wohl irgendwie verbunden auch die Sportart Fressehauen. Ihr wollen wir nicht nachtrauern.

Als veritables Start-up unter den Kneipensportarten hat sich der Tischfußball entpuppt. Vor fünf Jahren öffnete am Kesselbrink die Gaststube Gegenüber, und sofort gehörte Kickern zum Programm. Die hauseigene Montagsliga ist begehrt. Vor drei Jahren verschmolz Bielefelds enthusiastisches Kicker-Volk zu einem Verein, programmatischer Name: Kickerfeld. 150 Aktive kickern in vier Ligen, Spielorte sind Heimat+Hafen (Stapenhorststraße 78) sowie Gegenüber (August-Bebel-Straße 86a). Der Aufbau eines Vereinsheimes, auch um Jugendarbeit zu betreiben, ist das jüngste Kickerfeld-Ziel.

Nach soviel Sport gönnen wir uns eine Pausenfrikadelle. Dazu besuchen wir die Fleischerei Igel (August-Bebel-Straße/Hermannstraße 46). Hier macht sich Fleischermeister Thomas Koring in vierter Generation um den Erhalt der delikaten Kleinspeise verdient. Historisch betrachtet ist die Frikadelle ein Gruß aus Zeiten, als es noch an jeder Straßenecke Kneipen gab. Den geselligen Pilstrinkern galt der würzige Klops als stimmige Bierbegleitung. Mit dem Sterben der Eckkneipen fand die Frikadelle Aufnahme in der Roten Liste gefährdeter Speisen.

Heutige Hackfleischprodukte im Frikadellenformat werden in einem weichen Brötchen serviert, dazu rote Tunke, ein Stück Gurke sowie ein Salatblatt – fertig ist der Burger. Als der Burger noch Hamburger hieß, war er als kulturloser US-Imbiss verpönt. Trotzdem wuchs McDonald’s auch in Deutschland zum Wirtschaftsriesen heran (58.000 Mitarbeiter) und tönte 1991 mit selbstbewusster Ironie in ganzseitigen Inseraten: „Wunder bei McDonald’s: Millionenumsätze ohne Gäste.“ Heute sind diese Zeiten passé. Doch nicht der deutsche Bildungsdünkel verpasste McDonald’s den aktuellen Umsatzknick, sondern ein Wildwuchs lokaler Burger-Freibeuter. Sie punkteten mit drei großen Täts: Qualität, Regionalität und Kreativität. Wie Sibel Yilmaz und Erbil Temel, die vor fünf Jahren zwischen Kesselbrink und Bahnhofstraße die Wilde Kuh erfanden. Optisch und geschmacklich hängten ihre Speisen die Industrie-Burger sofort ab. Doch gastronomisches Massenfutter ist nicht out. Längst imitieren Burger-Ketten die Aura lokaler Helden. Und IKEA ist – wer hätte das geahnt – mit seinen wunderlichen Hackkugeln „Köttbullar“ sogar zum Gastroriesen aufgestiegen. Also mit etwas, dessen Name wie der Warnruf eines Rinderzüchters klingt: „Vorsicht, Köttbullar! Ach, jetzt isser doch reingetreten“, ist die Möbelhauskette in die Top 10 der Fließbandgastronomie einmarschiert. Wir hingegen bevorzugen weiterhin gastronomische Handarbeit heimischer Wirtsleute. Das bisschen Individualität gönnen wir uns.

In den Sonnenmonaten suchen und finden wir Individualität bei Meike und Renzo Dal Mas. Seit 35 Jahren lebt ihr liebes Eiscafé Dolomiti (Hägerweg 19) im Herzen von Gellershagen. Jede Saison pilgert eine steintreue Gästeschar zu ihnen, um das köstliche Eis zu schlecken. Glücksgefühle sind garantiert. Kennen Sie den prima Grünzug, der von der Teutoburger Straße nach Heepen führt? An ihm gibt’s den Fleck, wo sich Mühlenstraße und Ravensberger Straße Küsschen geben. Hier wohnte über Jahrzehnte ein harmloser Kiosk. Im letzten Sommer hatte Dlier Baker die glückliche Idee, das winzige Häuschen in ein schmuckes Eiscafé zu verwandeln, Name: Crema Gelato (Mühlenstraße 52). Die Eis-Leckereien produziert Deniz Celebi fachmännisch nur zwei Häuser weiter in einem sehr kalten Keller. Auch so geht gastronomische Handarbeit. In diesem Sinne: Lassen Sie sich den Sommer schmecken!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.