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18. Jul 2016

25 Jahre „BIELEFELD GEHT AUS“

Blick ins Flaneur-Archiv: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

Blick ins Flaneur-Archiv: Bielefelds führende Gastrozeitschrift

Haben Sie schon die aktuelle Ausgabe der beliebten Zeitschrift „Bielefeld geht aus“ gelesen? Auf vier hübsch bebildeten Seiten präsentiert sie unsere gastronomischen Protokolle einer bemerkenswerten Zeitreise. Jetzt auch im Flaneure-Weblog:

Bitte einsteigen! Die gastronomische Zeitmaschine startet ins Jahr 1991. Als Reiselektüre dient eine Zeitschrift, die soeben, also 1991, erstmals erschienen ist. Sie ist Wegweiser und Kompass für das Bielefelder Gastro-Dickicht, Titel: „Bielefeld geht aus“. Herausgeber André Mielitz erklärt im Editorial: „Das gastronomische Angebot der Stadt hat sich vergrößert“ und: „Wer sich am Wochenende ins Nachtleben stürzen will, braucht Ausdauer“. Also tauchen wir ein in die aufregende Bielefelder Gastrovergangenheit.

Zu Beginn gratulieren wir Horst Lindner, denn am 1. Juli 1991 feiert er sein 25-jähriges Jubiläum als Wirt im „Kochsiek“ (Arndtstraße 45, heute: „Greenwich“). Allein 26 Kegelvereine zählen zu seinen zahlreichen Stammgästen. Als er die Gaststube 1966 übernimmt, heißt sie „Schützenhof“. Auf Wunsch seiner Vorgängerin Martha Kochsiek, die nach Jahrzehnten abtritt, ändert er den Namen. Vom Westen in die Altstadt. Wir steigen hinab in den „Paulanerkeller“ (Welle 10, heute: anatolisches Restaurant „Kuyu“). Wirt Norbert Gillner (heute: Seniorkoch im Restaurant „Bartsch“, Viktoriastraße 54) bietet acht verschiedene Biersorten vom Fass. Wer kann 1991 dabei mithalten! Auf die Gabel gibt’s Schweinshaxe mit Sauerkraut, kulturell veredelt mit bayerischer Mucke. Im nimmermüden „Dixi“ (Obernstraße 53, heute: „L’Osteria“) legt DJ Lothar seit 17 Jahren ausgesuchte Platten auf („Marmor, Stein und Eisen bricht“). Werktags wummert es hier bis 3 Uhr und am Wochenende gar bis 5 Uhr. Gleich um die Ecke, im „Wall 3“ (Oberntorwall 3, heute: „Bodega Tropical“), ist Wirt Klaus Kammler stolz auf sein robustes Getränkesortiment. 200 Sorten Whisky, 50 Sorten Weinbrand und 100 verschiedene Cocktails träufelt er fürsorglich in seine Gäste hinein.

Ankunft am Kosterplatz. Jahrzehnte lang lud hier das „Gesellschaftshaus“ zur separierten Massengeselligkeit ein, doch soeben ist an seiner Stelle ein Neubau entstanden. Er ködert mit dem Zauberwort Verweilgastronomie, will also ein Haus für alle Feierabendbedürfnisse sein. Im Keller tobt eine Disco, darüber locken vier Kinosäle von Kinokönig Hans-Joachim Flebbe. Außerdem bieten Futterkrippen mit griechischem, japanischem oder chinesischem Gusto Sitzplätze an. Jetzt biegen wir in die Mauerstraße ein. Hier trennt das Bestattungsunternehmen „Schormann“ die unsterbliche Disco „Sam’s“ (Mauerstraße 44) vom Ausnahme-Club „The Blue Rat“ (Mauerstraße 38, heute: „Irish Pub“). Es ist 1987, da blickt Blue-Rat-Erfinder Johannes „Jonny“ Henrich zufällig in das damals neue und noch leerstehende Ladenlokal und weiß: „Hier muss ich eine Bar eröffnen, wie ich sie in Andalusien erlebt habe.“ Also bis 3 Uhr morgens quatschen, rauchen, trinken. Und vom DJ-Pult in der Ecke wird den Gästen dermaßen eingeheizt, dass sie sogar Platz zum Tanzen finden. Als Frank Zappa 1993 stirbt, läuft die ganze Nacht Zappas Musik. Als seinen Mentor beschreibt Johannes Henrich den innovativen Gastronomen Uwe Hofmann. Man kennt sich, denn Henrich hat drei Jahre in Hofmanns „Café Oktober“ (Detmolder Straße 11, heute: „Colón“) als Koch gearbeitet. Hofmann, Absolvent der Hochschule der bildenden Künste in Berlin, gründet 1973 das „Café Oktober“ und erschafft damit eine für Bielefeld völlig neue Melange aus Gastronomie, Kultur und Politik. Als Uwe Hofmann 1995 stirbt, hinterlässt er weitere kreative Gastroprojekte, wie das „Rodin“ hinter der Kunsthalle.

Auch dem Wirt Dieter „Hussi“ Husmann hat Bielefeld zivilisatorische Meilensteine zu verdanken. 1983 wechselt er vom „Odeon“, seinem Live-Schuppen in Isselhorst, nach Bielefeld und erschafft in einem Keller die „Extra-Blues-Bar“ (bis heute: Siekerstraße 20). Sachdienlicher Hinweis: Youtube hat eine astreine historische Filmaufnahme aus dem „Odeon“ von 1980. Es musizieren der Weltmusikpionier Roman Bunka und seine Band. Dazu tanzen junge, langhaarige, ostwestfälische Menschen. Ende der Durchsage. Neben notorisch guter Live-Musik im Extra organisiert Hussi den Blues-Zirkus am Leineweberring oder die Blues-Schifffahrt auf der Weser. Dieter Husmann stirbt 2011. Sein Erbe führt der Verein „Extra-Blues e.V.“ mit Herz und Erfolg weiter. 2016 wird das Extra für den Titel „Deutschlands bester Blues-Club“ nominiert.

Wir halten einen Moment inne und gedenken weiterer seit 1991 verstorbener Gastronomen. Stellvertretend für alle: Ferdinand „Ferdi“ Bobenhausen bringt 1971 mit „Ferdis Pizzapinte“ die Pizza nach Bielefeld. Katharina Herlage ist fast 50 Jahre lang die beliebte Wirtin der „Ostschänke“. Marcus „Birder“ Vogel macht Brake mit seinem „Birder’s“ glücklich. Daniel Mobers schenkt uns mit seiner „Friterie vom Belgier“ die weltbesten Pommes. Roland „Don Rolando“ Sanner zaubert ab 1978 das Saturday Night Fever ins „Café Europa“. Klaus Schaffner lässt 24 Jahre lang die „Bonne Auberge“ in Schildesche lukullisch erstrahlen.

Nichts bleibt, wie es ist. Auch die Gastroszene ändert sich. Stets sind es Kreative, die mit Fleiß und Können dem Zeitgeist das passende Futter geben. Ein Beispiel ist der Grafikdesigner Marcus Langer. Seit 2001 gestaltet er alles für das „M Kaffee“, Bielefelds erstem Coffeeshop, und hat damit wesentlichen Anteil an dessen Erfolg – und an der Veränderung einer ganzen Straßenzeile. Denn flott siedeln sich Nachahmer an und verwandeln Gehrenberg und Alten Markt in eine Freizeitzone. 2014 überrascht Langer mit seinem ästhetischen Gesamtkonzept des asiatischen Restaurants „Meiwei“. Aber auch international ist er gefragt. Der deutsche Pavillon der Expo 2010 in Shanghai wird in das Restaurant „Hamburg House“ transformiert. Mit Hilfe von Marcus Langer.

25 Jahre „Bielefeld geht aus“, das ist ein Grund zum Feiern. Machen Sie es nicht daheim. Lassen Sie sich bedienen. Die Bielefelder Gastronomie erwartet Sie.

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